Mittwoch, 2. März 2016

7. Ballonfahrt


Von hier oben kann ich alles und jeden sehen. Dich habe ich bestimmt auch schon einmal gesehen. Deinen Kopf hältst du stets gesenkt, nie schaust du nach oben. Sonst würdest du mich sicher auch sehen. Ich habe mich in den Ästen eines großen Baumes an der Mühlenstraße verfangen. Der kleine Junge, dem ich um sein Handgelenk gebunden wurde, hat mich losgelassen und ich konnte endlich fliegen. Doch da war dieser Baum im Weg, sonst wäre ich immer weiter, immer höher hinaus geflogen. Und jetzt, nun jetzt habe ich mich eben hier verfangen. Doch die Äste sind trocken und spitz und bohren sich in meine dünne Haut. Irgendwann wird all meine Luft verschwunden sein und was zurück bleibt ist eine leere Hülle Ich wünschte ich wäre nicht so alleine hier oben. Ich wünschte ich hätte jemanden mit dem ich die Menschen da unten zusammen beobachten könnte. Aber im Moment leeren sich die Straßen sowieso, es beginnt zu dämmern. Hin und wieder überquert jemand mit schnellen Schritten die Straße. Sei es ein kleiner Junge mit verwuscheltem Haar oder eine alte Dame mit ihrem Hund. Schaue ich jetzt nach unten sehe ich ein älteres Paar immer näher kommen. Ihre Schritte sind langsam, aber vorsichtig. Beide lächeln vor sich hin und halten sich an den Händen. Ich ändere meine Position, rutsche mehr nach vorne, um besser sehen zu können. Und da höre ich das Geräusch, das Ratschen und das Pfeifen entweichender Luft. Doch ich achte nicht darauf, das Pärchen ist viel spannender. Viel herzerwärmender . Ach, hätte ich doch nur ein Herz, es würde sicher viel schneller schlagen. Ach, wäre ich doch nur nicht so allein. Ich wünschte ich wäre nicht allein hier oben. Die Äste bohren sich wie spitze, dürre Finger in meine Haut und ich verliere endgültig meinen Halt. Das Pärchen zieht vorüber, raus aus meinem Blickfeld und die Äste rauben mir meinen letzten Atemzug…

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