Von
hier oben kann ich alles und jeden sehen. Dich habe ich bestimmt auch
schon einmal gesehen. Deinen Kopf hältst du stets
gesenkt, nie schaust du nach oben. Sonst würdest du mich sicher auch
sehen. Ich habe mich in den Ästen eines großen Baumes an der
Mühlenstraße verfangen. Der kleine Junge, dem ich um sein
Handgelenk gebunden wurde, hat mich losgelassen und ich konnte
endlich fliegen. Doch da war dieser Baum im Weg, sonst wäre ich
immer weiter, immer höher hinaus geflogen. Und jetzt, nun jetzt habe
ich mich eben hier verfangen. Doch die Äste sind trocken und spitz
und bohren sich in meine dünne Haut. Irgendwann wird all meine Luft
verschwunden sein und was zurück bleibt ist eine leere Hülle Ich
wünschte ich wäre nicht so alleine hier oben. Ich wünschte ich
hätte jemanden mit dem ich die Menschen da unten zusammen beobachten
könnte. Aber im Moment leeren sich die Straßen sowieso, es beginnt
zu dämmern. Hin und wieder überquert jemand mit schnellen Schritten
die Straße. Sei es ein kleiner Junge mit verwuscheltem Haar oder
eine alte Dame mit ihrem Hund.
Schaue ich jetzt nach unten sehe ich ein älteres Paar immer
näher kommen. Ihre Schritte sind langsam, aber vorsichtig. Beide
lächeln vor sich hin und halten sich an den Händen. Ich ändere
meine Position, rutsche mehr nach vorne, um besser sehen zu können.
Und da höre ich das Geräusch, das Ratschen und das Pfeifen
entweichender Luft. Doch ich achte nicht darauf, das Pärchen ist
viel spannender. Viel herzerwärmender .
Ach, hätte ich doch nur ein
Herz, es würde sicher viel schneller schlagen.
Ach, wäre ich doch nur nicht so
allein. Ich wünschte ich wäre nicht allein hier oben.
Die Äste bohren sich wie
spitze, dürre Finger in meine Haut und ich verliere endgültig
meinen Halt. Das Pärchen zieht vorüber, raus aus meinem Blickfeld
und die Äste rauben mir meinen letzten Atemzug…
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