Mittwoch, 2. März 2016

9. An dich

     
 Auch wenn du gehst
Bleib ich hier
Starre in die Welt
Starre zu dir
Erhoffe mir einen Blick
Einen Blick von dir
Doch einzig was ich bekomm
Ein kühler Hauch
In mir

7. Ballonfahrt


Von hier oben kann ich alles und jeden sehen. Dich habe ich bestimmt auch schon einmal gesehen. Deinen Kopf hältst du stets gesenkt, nie schaust du nach oben. Sonst würdest du mich sicher auch sehen. Ich habe mich in den Ästen eines großen Baumes an der Mühlenstraße verfangen. Der kleine Junge, dem ich um sein Handgelenk gebunden wurde, hat mich losgelassen und ich konnte endlich fliegen. Doch da war dieser Baum im Weg, sonst wäre ich immer weiter, immer höher hinaus geflogen. Und jetzt, nun jetzt habe ich mich eben hier verfangen. Doch die Äste sind trocken und spitz und bohren sich in meine dünne Haut. Irgendwann wird all meine Luft verschwunden sein und was zurück bleibt ist eine leere Hülle Ich wünschte ich wäre nicht so alleine hier oben. Ich wünschte ich hätte jemanden mit dem ich die Menschen da unten zusammen beobachten könnte. Aber im Moment leeren sich die Straßen sowieso, es beginnt zu dämmern. Hin und wieder überquert jemand mit schnellen Schritten die Straße. Sei es ein kleiner Junge mit verwuscheltem Haar oder eine alte Dame mit ihrem Hund. Schaue ich jetzt nach unten sehe ich ein älteres Paar immer näher kommen. Ihre Schritte sind langsam, aber vorsichtig. Beide lächeln vor sich hin und halten sich an den Händen. Ich ändere meine Position, rutsche mehr nach vorne, um besser sehen zu können. Und da höre ich das Geräusch, das Ratschen und das Pfeifen entweichender Luft. Doch ich achte nicht darauf, das Pärchen ist viel spannender. Viel herzerwärmender . Ach, hätte ich doch nur ein Herz, es würde sicher viel schneller schlagen. Ach, wäre ich doch nur nicht so allein. Ich wünschte ich wäre nicht allein hier oben. Die Äste bohren sich wie spitze, dürre Finger in meine Haut und ich verliere endgültig meinen Halt. Das Pärchen zieht vorüber, raus aus meinem Blickfeld und die Äste rauben mir meinen letzten Atemzug…

6. Was ist der Tod bloß für ein Wesen?



                

Was ist der Tod bloß für ein Wesen, das dich auch aus dem Leben reißt?

So schmerzlos leicht wie ein Windhauch an deiner Wange oder doch so beängstigend schmerzhaft wie ein Stich im Herzen. Kurz bevor der Tod dir seinen Geist ei haucht und du deinen letzten Atemzughast, da, sagen sie, zieht dein ganzes Leben vor deinem geistigen Auge vorbei. 

Doch was siehst du dann? Die Trauer einzelner Tage, deine Zweifel, deine Wut auf verlorene Ziele oder siehst du doch die schönen Momente, das Lachen und Weinen verbunden mit schönen Erinnerungen und dein vor Aufregung zerberstendes Herzklopfen?

Du siehst all das, was jetzt verloren scheint und das du hoffst eine Erinnerung wert zu sein. Denn wenn deine Lebenszeit schließlich abgelaufen ist, ist es das woran du festhältst, als Erinnerung in den Köpfen der Menschen zurück zu bleiben.                             

5. Pain stays

Das heiße Wasser fließt an meinem Körper entlang. Es spült all die Sorgen von gestern Nacht weg und zieht sie mit sich in den Abfluss. Widerwillig stelle ich das Wasser ab und trete auf die kalten Fliesen. Ich greife nach einem Handtuch und tupfe mich ab. Einen kurzen Blick werfe ich in den Spiegel, doch dann wende ich mich schnell wieder ab. Ich stelle mich mit geschlossenen Augen vor den Spiegel meines Badezimmers. Meine Augen fangen schon an zu schmerzen, so fest kneife ich sie zu. Es ist jetzt Wochen her, seit ich mich das letzte Mal selbst im Spiegel betrachtet habe. Den Anblick meiner Selbst ertrage ich nicht. Ich drücke meinen spitzen Fingernagel in meinen Arm, sodass der Schmerz viel zu groß wird und ich laut aufschnappe und dabei meine Augen sofort aufreiße. Erneut ringe ich nach Luft, als ich mich im Spiegel betrachte. Die Spuren der Vergangenheit lasten noch immer auf mir.
Mit einem Finger zeichne ich die Konturen meines Schlüsselbeins nach. Ich gelange zu meinem Hals, wo ein großer, blauroter Fleck zu erkennen ist. Mit leichtem Druck tippe ich auf dem Fleck herum und schlagartig durchfährt mich ein stechender Schmerz. Ich zwinge mich trotz des Schmerzes die Augen aufzulassen, um weiterhin meinen Körper betrachten zu können. Meinen Blick wende ich von meinem Hals ab und betrachte meine Arme. Die tiefen Schnitte der Klinge sind noch klar erkennbar. Ich würde sehr viel Make Up benötigen , um all diese Spuren zu verdecken. Ich könnte einen neuen Start als eine andere Person wagen.
Mit einem schnellen Ruck öffne ich mein unter den Achseln befestigtes Handtuch und höre wie es auf die Fliesen fällt. Schlagartig durchfährt mich ein Zittern und Gänsehaut bildet sich auf meinem Körper. Ich denke daran später mal unsere Heizung einzuschalten, doch jetzt gewöhne ich mich so langsam an die kühle Luft auf meiner Haut. Es hat mich schon immer eine große Überwindung gekostet mir meinen Körper anzusehen. Doch je länger ich ihn anstarre, werde ich das Gefühl nicht los, dass dieser Körper doch gar nicht so schlecht scheint. Natürlich hat er nichts von den Figuren der anderen, schöneren Mädchen aus den Zeitschriften. Und doch ist da was, was mich nicht den Blick abwenden lässt. Vielleicht sind es die schon fast verblassenden Flecken auf meinen Ober- und Unterschenkeln oder die schon verheilenden Schnitte an mir.
Es scheint so, als wären mehrere Minuten oder gar Stunden vergangen, seitdem ich mich vor den Spiegel gestellt habe. Vielleicht warte ich darauf, dass etwas passiert und ich meinen wahren Körper sehe. Denn vielleicht bilde ich mir auch nur diesen Körper ein. Vielleicht sind diese Gedanken wieder da, dieser Wunsch, so zu sein wie es alle sind. Wie alle mich wollen. Ihren Körper, ihr Gesicht, ihre Schönheit, ihr Alles auch an mir zu sehen. Doch nie, nie wurde mir dieser Wunsch erfüllt. Nur der Schmerz des unerfüllten Wunsches wächst von Tag zu Tag. Doch nichts, was gestern war kann ich zurück lassen. Es verweilt auf mir, hat seine Spuren tief in und auf mir hinterlassen. Und jeder der mich kennen lernt wird den Schmerz sehen, nicht nur durch die Schnitte auf meinen Handgelenken, sondern auch in meinen Augen. Denn dieser Schmerz ist nicht abzuhängen, nicht zurückzulassen. Er verweilt in mir.


Das Wasser grummelt laut in den Rohren. Mein Kopf dröhnt immer noch, obwohl eine heiße Dusche immer meine Migräne milderte. Ich fühle mich wie weggetreten. Alles verschwimmt vor meinen Augen, bunte Lichter blitzen auf und hier und da spüre ich ein sanftes Kribbeln in mir. Unwissend, woher all diese Wahrnehmungen stammen, trete ich aus der Wanne und werfe mir ein Handtuch über. Ich starre auf meine Wand, dort sehe ich noch die Abdrücke des Spiegels, den die Mieter vor mir hängen hatten. Diese Stelle würde bei mir kahl bleiben, einen Spiegel hat bei mir nichts zu suchen. Vielleicht würde ich ein Porträt von einer hässlichen Gestalt hinhängen, die mich jedes Mal, wenn ich aus der Wanne steige amüsiert auslacht. 

4. In Sicherheit

Kurz vor zwölf hält der Zug an einem unterirdischen Bahnhof an. Seine Lichter flackern im Dunkeln und die schweren Türen gehen auf und in mein Abteil schleicht sich ein modriger Geruch ein. Mit zittriger Hand wische ich mir bestimmt meine letzte Träne weg, schultere meinen Rucksack und trete aus dem Abteil in den Flur des Zuges und von dort setze ich meinen Fuß auf den Boden des Bahnhofs. Sofort ergreift mich eine beißende Kälte, die sich bis in meine Knochen festkrallt. Ich schüttle mich kurz und lasse dabei fast meinen Rucksack fallen. Vor Schreck drücke ich den Rucksack fester an mich und gehe noch einen Schritt vom Zug weg. Erstaunt blicke ich die leeren Ecken des Bahnhofs, der mir wie verlassen und unbenutzt vor kommt. Selbst wenn ich hier und da etwas Müll liegen sehe. Seien es Zigarettenstummel, Papier oder einfach nur Dreck, der in den Ecken sitzt. Die Türen des Zuges schließen sich geräuschvoll ohne jemanden heraus zu lassen und mit einen Quietschen setzt sich der alte Zug in Bewegung. Nun bin ich allein. Niemand, der auf mich wartet, der mich abholt oder mir den Weg zum Weitergehen weist. Erschöpft von der Kälte, die mir immer noch den Atem raubt, schreite ich voran. Das einzige Geräusch, was ich höre ist mein Atem und meine leisen Schritte, die auf dem Bahnhofs Boden widerhallen. Kaum finde ich den Ausgang aus dem Bahnhof heraus stemme ich meinen müden Körper die nie enden wollenden Treppen hinauf und blinzle ich die mit Sternenbesetzte Dunkelheit. Der Bahnhof ist frei von Menschen und von Autos. Ich stelle meinen Rucksack auf den Boden ab und atme tief ein, auch wenn sich so die Kälte noch tiefer in meinen Körper setzt. Meine Kapuze ziehe ich tiefer und schnüre meinen Schal enger. Es gibt kein Entkommen vor der Kälte. Sie ist überall und findet jeden. Nicht einmal bewohnbare Häuser gibt es hier. „Wo bin ich hier nur gelandet?“, seufze ich. Wie aus dem Nichts ertönt ein Klingeln und bringt die kalte Luft zum vibrieren. Aufgebracht schaue ich mich um, bevor ich bemerke, dass das Klingeln von meinem Handy stammt. Mit zittrigen Fingern krame ich es hervor und schaue auf den hell aufflackernden Bildschirm. Unbekannte Nummer. Erneut blicke ich mich um. Niemand ist da und ich beschließe dran zu gehen. „Hallo?“, sage ich und warte auf eine Antwort. Doch auf der anderen Seite der Leitung höre ich nichts. Komisch, denke ich mir. Verwirrt lege ich auf und schaue mich um. Immer noch niemand zu sehen. Ich hebe meinen Rucksack, schultere ihn und mache einige Schritte auf die Bushaltestelle zu. Urplötzlich höre ich ein schwaches Rascheln und meine ein leises Flüstern wahrzunehmen. Ein Zittern durchfährt mich. Bin ich also doch nicht alleine? Meine Schritte werden immer schneller, bis ich anfange zu laufe, selbst wenn ich nicht weiß, wovor ich mich flüchte. Nach hinten drehe ich mich auch nicht aus Angst etwas Fremdes zu erblicken. An der Haltestelle angekommen drehe ich mich ganz langsam nach hinten rum. Nichts. Ich muss alleine sein, woher sollte denn das Flüstern sonst kommen? Die Müdigkeit spielt mir wahrscheinlich nur einen Streich. Ich lächle in mich hinein und schaue wann mein Bus nach Hause kommt. 
Noch 5 Minuten. 
Ich trete vom einen zum anderen Fuß, werde immer unruhiger. Es sind nur 5 Minuten, sage ich mir immer wieder. Kurz schließe ich meine Augen und als ich sie wieder öffne meine ich einen Schatten gesehen zu haben. Einen kleinen, der an der Wand herum huschte. Blödsinn! Und da, wieder das Rascheln und das Flüstern. Leise, unverständliche Wörter und Schritte, die immer näher kommen. Näher und näher, sie werden lauter. Immer lauter. Doch ich kann niemanden erkennen, niemanden der sich nähert. Ich kneife meine Augen so fest zusammen, dass es weh tut. So als würde man mich nicht mehr beachten, so mit geschlossenen Augen. Doch ich bin noch da. Ungeschützt. Alleine. Ich schnappe nach Luft und öffne meine Augen, als ich mich etwas am Arm streift. Schon wieder der Schatten. Mein Herzschlag beschleunigt sich und mein Atem wird schnappend. Ich beschleunige meine Schritte, weiter weg von der Haltestelle auch wenn der Bus jeden Moment kommen müsste. Irgendwas ist hier. Ich sehe wie sich der Bus mir nähert, mein Blick trifft den des Busfahrers. Er ist leer. Der Schatten erscheint erneut und nähert sich mir mit schnellen Schritten und diesmal sehe ich den Umriss deutlicher. Der Busfahrer scheint mit der Öffnung der Tür zu zögern. Ich hämmere mit der Hand gegen die Tür. Die Angst vor dem Ungewissen scheint mich zu zerfressen. Dann als ich den Schatten genau hinter mir spüre, öffnet sich die Tür und ich stürme ins Warme des Busses. Kurz nachdem sich die Tür schließt drehe ich mich um und blicke in grellrote Augen. Augenblicklich danach sind sie verschwunden, doch das braucht mich jetzt nicht mehr zu interessieren.                       Denn ich bin jetzt in Sicherheit…