Mittwoch, 2. März 2016

5. Pain stays

Das heiße Wasser fließt an meinem Körper entlang. Es spült all die Sorgen von gestern Nacht weg und zieht sie mit sich in den Abfluss. Widerwillig stelle ich das Wasser ab und trete auf die kalten Fliesen. Ich greife nach einem Handtuch und tupfe mich ab. Einen kurzen Blick werfe ich in den Spiegel, doch dann wende ich mich schnell wieder ab. Ich stelle mich mit geschlossenen Augen vor den Spiegel meines Badezimmers. Meine Augen fangen schon an zu schmerzen, so fest kneife ich sie zu. Es ist jetzt Wochen her, seit ich mich das letzte Mal selbst im Spiegel betrachtet habe. Den Anblick meiner Selbst ertrage ich nicht. Ich drücke meinen spitzen Fingernagel in meinen Arm, sodass der Schmerz viel zu groß wird und ich laut aufschnappe und dabei meine Augen sofort aufreiße. Erneut ringe ich nach Luft, als ich mich im Spiegel betrachte. Die Spuren der Vergangenheit lasten noch immer auf mir.
Mit einem Finger zeichne ich die Konturen meines Schlüsselbeins nach. Ich gelange zu meinem Hals, wo ein großer, blauroter Fleck zu erkennen ist. Mit leichtem Druck tippe ich auf dem Fleck herum und schlagartig durchfährt mich ein stechender Schmerz. Ich zwinge mich trotz des Schmerzes die Augen aufzulassen, um weiterhin meinen Körper betrachten zu können. Meinen Blick wende ich von meinem Hals ab und betrachte meine Arme. Die tiefen Schnitte der Klinge sind noch klar erkennbar. Ich würde sehr viel Make Up benötigen , um all diese Spuren zu verdecken. Ich könnte einen neuen Start als eine andere Person wagen.
Mit einem schnellen Ruck öffne ich mein unter den Achseln befestigtes Handtuch und höre wie es auf die Fliesen fällt. Schlagartig durchfährt mich ein Zittern und Gänsehaut bildet sich auf meinem Körper. Ich denke daran später mal unsere Heizung einzuschalten, doch jetzt gewöhne ich mich so langsam an die kühle Luft auf meiner Haut. Es hat mich schon immer eine große Überwindung gekostet mir meinen Körper anzusehen. Doch je länger ich ihn anstarre, werde ich das Gefühl nicht los, dass dieser Körper doch gar nicht so schlecht scheint. Natürlich hat er nichts von den Figuren der anderen, schöneren Mädchen aus den Zeitschriften. Und doch ist da was, was mich nicht den Blick abwenden lässt. Vielleicht sind es die schon fast verblassenden Flecken auf meinen Ober- und Unterschenkeln oder die schon verheilenden Schnitte an mir.
Es scheint so, als wären mehrere Minuten oder gar Stunden vergangen, seitdem ich mich vor den Spiegel gestellt habe. Vielleicht warte ich darauf, dass etwas passiert und ich meinen wahren Körper sehe. Denn vielleicht bilde ich mir auch nur diesen Körper ein. Vielleicht sind diese Gedanken wieder da, dieser Wunsch, so zu sein wie es alle sind. Wie alle mich wollen. Ihren Körper, ihr Gesicht, ihre Schönheit, ihr Alles auch an mir zu sehen. Doch nie, nie wurde mir dieser Wunsch erfüllt. Nur der Schmerz des unerfüllten Wunsches wächst von Tag zu Tag. Doch nichts, was gestern war kann ich zurück lassen. Es verweilt auf mir, hat seine Spuren tief in und auf mir hinterlassen. Und jeder der mich kennen lernt wird den Schmerz sehen, nicht nur durch die Schnitte auf meinen Handgelenken, sondern auch in meinen Augen. Denn dieser Schmerz ist nicht abzuhängen, nicht zurückzulassen. Er verweilt in mir.


Das Wasser grummelt laut in den Rohren. Mein Kopf dröhnt immer noch, obwohl eine heiße Dusche immer meine Migräne milderte. Ich fühle mich wie weggetreten. Alles verschwimmt vor meinen Augen, bunte Lichter blitzen auf und hier und da spüre ich ein sanftes Kribbeln in mir. Unwissend, woher all diese Wahrnehmungen stammen, trete ich aus der Wanne und werfe mir ein Handtuch über. Ich starre auf meine Wand, dort sehe ich noch die Abdrücke des Spiegels, den die Mieter vor mir hängen hatten. Diese Stelle würde bei mir kahl bleiben, einen Spiegel hat bei mir nichts zu suchen. Vielleicht würde ich ein Porträt von einer hässlichen Gestalt hinhängen, die mich jedes Mal, wenn ich aus der Wanne steige amüsiert auslacht. 

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