Mittwoch, 2. März 2016

4. In Sicherheit

Kurz vor zwölf hält der Zug an einem unterirdischen Bahnhof an. Seine Lichter flackern im Dunkeln und die schweren Türen gehen auf und in mein Abteil schleicht sich ein modriger Geruch ein. Mit zittriger Hand wische ich mir bestimmt meine letzte Träne weg, schultere meinen Rucksack und trete aus dem Abteil in den Flur des Zuges und von dort setze ich meinen Fuß auf den Boden des Bahnhofs. Sofort ergreift mich eine beißende Kälte, die sich bis in meine Knochen festkrallt. Ich schüttle mich kurz und lasse dabei fast meinen Rucksack fallen. Vor Schreck drücke ich den Rucksack fester an mich und gehe noch einen Schritt vom Zug weg. Erstaunt blicke ich die leeren Ecken des Bahnhofs, der mir wie verlassen und unbenutzt vor kommt. Selbst wenn ich hier und da etwas Müll liegen sehe. Seien es Zigarettenstummel, Papier oder einfach nur Dreck, der in den Ecken sitzt. Die Türen des Zuges schließen sich geräuschvoll ohne jemanden heraus zu lassen und mit einen Quietschen setzt sich der alte Zug in Bewegung. Nun bin ich allein. Niemand, der auf mich wartet, der mich abholt oder mir den Weg zum Weitergehen weist. Erschöpft von der Kälte, die mir immer noch den Atem raubt, schreite ich voran. Das einzige Geräusch, was ich höre ist mein Atem und meine leisen Schritte, die auf dem Bahnhofs Boden widerhallen. Kaum finde ich den Ausgang aus dem Bahnhof heraus stemme ich meinen müden Körper die nie enden wollenden Treppen hinauf und blinzle ich die mit Sternenbesetzte Dunkelheit. Der Bahnhof ist frei von Menschen und von Autos. Ich stelle meinen Rucksack auf den Boden ab und atme tief ein, auch wenn sich so die Kälte noch tiefer in meinen Körper setzt. Meine Kapuze ziehe ich tiefer und schnüre meinen Schal enger. Es gibt kein Entkommen vor der Kälte. Sie ist überall und findet jeden. Nicht einmal bewohnbare Häuser gibt es hier. „Wo bin ich hier nur gelandet?“, seufze ich. Wie aus dem Nichts ertönt ein Klingeln und bringt die kalte Luft zum vibrieren. Aufgebracht schaue ich mich um, bevor ich bemerke, dass das Klingeln von meinem Handy stammt. Mit zittrigen Fingern krame ich es hervor und schaue auf den hell aufflackernden Bildschirm. Unbekannte Nummer. Erneut blicke ich mich um. Niemand ist da und ich beschließe dran zu gehen. „Hallo?“, sage ich und warte auf eine Antwort. Doch auf der anderen Seite der Leitung höre ich nichts. Komisch, denke ich mir. Verwirrt lege ich auf und schaue mich um. Immer noch niemand zu sehen. Ich hebe meinen Rucksack, schultere ihn und mache einige Schritte auf die Bushaltestelle zu. Urplötzlich höre ich ein schwaches Rascheln und meine ein leises Flüstern wahrzunehmen. Ein Zittern durchfährt mich. Bin ich also doch nicht alleine? Meine Schritte werden immer schneller, bis ich anfange zu laufe, selbst wenn ich nicht weiß, wovor ich mich flüchte. Nach hinten drehe ich mich auch nicht aus Angst etwas Fremdes zu erblicken. An der Haltestelle angekommen drehe ich mich ganz langsam nach hinten rum. Nichts. Ich muss alleine sein, woher sollte denn das Flüstern sonst kommen? Die Müdigkeit spielt mir wahrscheinlich nur einen Streich. Ich lächle in mich hinein und schaue wann mein Bus nach Hause kommt. 
Noch 5 Minuten. 
Ich trete vom einen zum anderen Fuß, werde immer unruhiger. Es sind nur 5 Minuten, sage ich mir immer wieder. Kurz schließe ich meine Augen und als ich sie wieder öffne meine ich einen Schatten gesehen zu haben. Einen kleinen, der an der Wand herum huschte. Blödsinn! Und da, wieder das Rascheln und das Flüstern. Leise, unverständliche Wörter und Schritte, die immer näher kommen. Näher und näher, sie werden lauter. Immer lauter. Doch ich kann niemanden erkennen, niemanden der sich nähert. Ich kneife meine Augen so fest zusammen, dass es weh tut. So als würde man mich nicht mehr beachten, so mit geschlossenen Augen. Doch ich bin noch da. Ungeschützt. Alleine. Ich schnappe nach Luft und öffne meine Augen, als ich mich etwas am Arm streift. Schon wieder der Schatten. Mein Herzschlag beschleunigt sich und mein Atem wird schnappend. Ich beschleunige meine Schritte, weiter weg von der Haltestelle auch wenn der Bus jeden Moment kommen müsste. Irgendwas ist hier. Ich sehe wie sich der Bus mir nähert, mein Blick trifft den des Busfahrers. Er ist leer. Der Schatten erscheint erneut und nähert sich mir mit schnellen Schritten und diesmal sehe ich den Umriss deutlicher. Der Busfahrer scheint mit der Öffnung der Tür zu zögern. Ich hämmere mit der Hand gegen die Tür. Die Angst vor dem Ungewissen scheint mich zu zerfressen. Dann als ich den Schatten genau hinter mir spüre, öffnet sich die Tür und ich stürme ins Warme des Busses. Kurz nachdem sich die Tür schließt drehe ich mich um und blicke in grellrote Augen. Augenblicklich danach sind sie verschwunden, doch das braucht mich jetzt nicht mehr zu interessieren.                       Denn ich bin jetzt in Sicherheit…

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