Kurz
vor zwölf hält der Zug an einem unterirdischen Bahnhof an. Seine
Lichter flackern im Dunkeln und die schweren Türen gehen auf und in
mein Abteil schleicht sich ein modriger Geruch ein. Mit zittriger
Hand wische ich mir bestimmt meine letzte Träne weg, schultere
meinen Rucksack und trete aus dem Abteil in den Flur des Zuges und
von dort setze ich meinen Fuß auf den Boden des Bahnhofs. Sofort
ergreift mich eine beißende Kälte, die sich bis in meine Knochen
festkrallt. Ich schüttle mich kurz und lasse dabei fast meinen
Rucksack fallen. Vor Schreck drücke ich den Rucksack fester an mich
und gehe noch einen Schritt vom Zug weg. Erstaunt blicke ich die
leeren Ecken des Bahnhofs, der mir wie verlassen und unbenutzt vor
kommt. Selbst wenn ich hier und da etwas Müll liegen sehe. Seien es
Zigarettenstummel, Papier oder einfach nur Dreck, der in den Ecken
sitzt. Die Türen des Zuges
schließen sich geräuschvoll ohne jemanden heraus zu lassen und mit
einen Quietschen setzt sich der alte Zug in Bewegung. Nun bin ich
allein. Niemand, der auf mich wartet, der mich abholt oder mir den
Weg zum Weitergehen weist. Erschöpft von der Kälte, die mir immer
noch den Atem raubt, schreite ich voran. Das einzige Geräusch, was
ich höre ist mein Atem und meine leisen Schritte, die auf dem
Bahnhofs Boden widerhallen. Kaum finde ich den Ausgang aus dem
Bahnhof heraus stemme ich meinen müden Körper die nie enden
wollenden Treppen hinauf und blinzle ich die mit Sternenbesetzte
Dunkelheit. Der Bahnhof ist frei von Menschen und von
Autos. Ich stelle meinen Rucksack auf den Boden ab und atme tief
ein, auch wenn sich so die Kälte noch tiefer in meinen Körper
setzt. Meine Kapuze ziehe ich tiefer und schnüre meinen Schal enger.
Es gibt kein Entkommen vor der Kälte. Sie ist überall und findet
jeden. Nicht einmal bewohnbare Häuser gibt es hier. „Wo bin ich
hier nur gelandet?“, seufze ich. Wie aus dem Nichts ertönt ein
Klingeln und bringt die kalte Luft zum vibrieren. Aufgebracht schaue
ich mich um, bevor ich bemerke, dass das Klingeln von meinem Handy
stammt. Mit zittrigen Fingern krame ich es hervor und schaue auf den
hell aufflackernden Bildschirm. Unbekannte
Nummer. Erneut
blicke ich mich um. Niemand ist da und ich beschließe dran zu gehen.
„Hallo?“, sage ich und warte auf eine Antwort. Doch auf der
anderen Seite der Leitung höre ich nichts. Komisch,
denke ich mir. Verwirrt lege ich auf und schaue mich um. Immer noch
niemand zu sehen. Ich hebe meinen Rucksack, schultere ihn und mache
einige Schritte auf die Bushaltestelle zu. Urplötzlich höre ich ein
schwaches Rascheln und meine ein leises Flüstern wahrzunehmen. Ein
Zittern durchfährt mich. Bin
ich also doch nicht alleine? Meine
Schritte werden immer schneller, bis ich anfange zu laufe, selbst
wenn ich nicht weiß, wovor ich mich flüchte. Nach hinten drehe ich
mich auch nicht aus Angst etwas Fremdes zu erblicken. An der
Haltestelle angekommen drehe ich mich ganz langsam nach hinten rum.
Nichts. Ich muss alleine sein, woher sollte denn das Flüstern sonst
kommen? Die Müdigkeit spielt mir wahrscheinlich nur einen Streich.
Ich lächle in mich hinein und schaue wann mein Bus nach Hause kommt.
Noch 5 Minuten.
Ich trete vom einen zum anderen Fuß, werde immer
unruhiger. Es
sind nur 5 Minuten,
sage ich mir immer wieder. Kurz schließe ich meine Augen und als ich
sie wieder öffne meine ich einen Schatten gesehen zu haben. Einen
kleinen, der an der Wand herum huschte. Blödsinn!
Und
da, wieder das Rascheln und das Flüstern. Leise, unverständliche
Wörter und Schritte, die immer näher kommen. Näher und näher, sie
werden lauter. Immer lauter. Doch ich kann niemanden erkennen,
niemanden der sich nähert. Ich kneife meine Augen so fest zusammen,
dass es weh tut. So als würde man mich nicht mehr beachten, so mit
geschlossenen Augen. Doch ich bin noch da. Ungeschützt. Alleine. Ich
schnappe nach Luft und öffne meine Augen, als ich mich etwas am Arm
streift. Schon wieder der Schatten. Mein Herzschlag beschleunigt sich
und mein Atem wird schnappend. Ich beschleunige meine Schritte,
weiter weg von der Haltestelle auch wenn der Bus jeden Moment kommen
müsste. Irgendwas
ist hier.
Ich sehe wie sich der Bus mir nähert, mein
Blick trifft den des Busfahrers. Er ist leer. Der Schatten erscheint
erneut und nähert sich mir mit schnellen Schritten und diesmal sehe
ich den Umriss deutlicher. Der Busfahrer scheint mit der Öffnung der
Tür zu zögern. Ich hämmere mit der Hand gegen die Tür. Die Angst
vor dem Ungewissen scheint mich zu zerfressen. Dann als ich den
Schatten genau hinter mir spüre, öffnet sich die Tür und ich
stürme ins Warme des Busses. Kurz nachdem sich die Tür schließt
drehe ich mich um und blicke in grellrote Augen. Augenblicklich
danach sind sie verschwunden, doch das braucht mich jetzt nicht mehr
zu interessieren. Denn ich bin jetzt in Sicherheit…
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen