Dienstag, 19. Januar 2016

2. An der Kreuzung



Plötzlich braust ein voller Bus an mir vorbei. Fast tausend geisterhafte Masken scheinen auf mich hinabzublicken, mich jedoch nicht wahrzunehmen. Der eiskalte Wind schmerzt auf meiner Haut und elektrisiert mich. Belebt mich dennoch nicht, weckt mich nicht aus meiner Starre. Die Ampel ist gerade rot geworden. Knapp nur habe ich ihr Grünes Licht verpasst, habe meinen Bus verpasst und selbst mein Leben ist an mir vorbeigegangen ohne eine Spur zu hinterlassen, außer den Schmerz in meinem Herzen. Die Straßenseite hinter der Ampel scheint unglaublich schwer zu erreichen zu sein, kaum erreichbar mit bloßen Schritten. Ich könnte auch einfach hier stehen bleiben, für viele Minuten, vielleicht Stunden. Tage.
 Doch Jonas erwartet mich, wartet auf mich. Gestern konnte ich nicht zu ihm. Vielleicht vermisst er mich schon. Vielleicht. Ach, nein. Lang ist es her, dass mich jemand vermisst hat. Als Jonas noch lebte, habe ich auch noch gelebt. Die Sonne schien aus mir heraus, wie ein warmer Sommertag fühlte sich mein Inneres an. Niemals regnete es und das Leben schien so viel leichter zu sein. Damals, als die vielen Farben des Herbstes nicht nur draußen an den Blättern hingen, sondern auch in meinen Gedanken. Die Zeit schien am Tag von Jonas Tod stehen geblieben und gegensätzlich viel zu schnell vergangen zu sein. Ich bin ja so alt, nein, ich fühle mich alt und unglaublich müde.
Wie lang ist es her, seit ich das letzte Mal durch das Herbstlaub gelaufen bin, sodass es nur so geraschelt hat? Wie lang ist es her, dass ich mich für mich selbst schön gemacht habe? Ein Kleid angehabt habe, einen Hut. Hätte ich heute nur ein Kleid angezogen, würde ich die Kälte durch die dünne Strumpfhose an meinen Beinen spüren. Vielleicht würde ich mich dann lebendiger fühlen. Vielleicht sollte ich mir für die Zukunft mehr Zeit für mich nehmen. Vielleicht aber sollte ich nicht an das Morgen, sondern an das Jetzt denken. Jetzt, wo ich hier an der Ampel stehe und darauf warte zur Haltestelle zu kommen, um zum Friedhof zu fahren. Meinen verstorbenen Ehemann zu besuchen. Oder doch mein verstorbenes Ich?
Wer hätte gedacht, dass meine Zukunft aus einem nie endenden Warten besteht. Das Warten auf die ewige Stille und die Freiheit. Wär ich doch nur ein Vogel. Mit Flügeln, die einen hinweg tragen. Weg von all den unschönen Tagen. Ob es ein Fehler war so früh zu heiraten? Ein Fehler bedingungslos zu lieben und geliebt zu werden? Ob ich all das, was war bereuen sollte? Ich weiß es nicht.
 Ich könnte ja mit dem Bus einfach irgendwohin fahren oder gar nicht einsteigen. Einfach so lange weiter gehen, bis ich müde werde. Bis ich so müde werde, dass ich aus purer Müdigkeit einschlafe und nicht mehr aus Trauer und Einsamkeit. Vielleicht verpasse ich auch diesen Bus und kann nicht zurück in meine Vergangenheit reisen, in das längst verstorbene Gut.
Die Ampel wird grün. Weiter in die Trauer gehen oder zurück ins Leben? Augen schließen und die Füße machen lassen. Vielleicht finden sie den richtigen Weg.
Vielleicht.

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